News

Die Schattenseite des Spirituellen Erwachens

Die Schattenseite des spirituellen Erwachens

Immer wieder lese oder höre ich von spirituellen Lehrern, wenn es um das Erwachen geht folgenden Satz : ‚Jeder bekommt nur soviel, wie er verkraften kann.‘ Der spirituelle mit dem Sein verbundene Anteil in mir sagt natürlich Ja dazu. Der menschliche und bodenständige Anteil in mir stimmt dem absolut nicht zu.

 

Was geschieht beim Erwachen?

Wenn wir erwachen, verändert sich unsere Wahrnehmung. Das kann sehr drastisch passieren oder eher sanft. Manchmal verlieren wir den Bezug zu unserem Selbst, welches anschliessend in einer neuen Form wieder entstehen kann. Die Realität wird verändert wahrgenommen und es kommt zu mitunter merkwürdigen Verhaltensweisen, die aber nur vorübergehend sind. Das ist oft für Angehörige, schwer zu verstehen. In uns öffnet sich das Bewusstsein und plötzlich fangen wir an, unsere Gedanken nicht mehr kontrollieren zu können, Eingebungen zu haben, energetische Phänomene treten auf oder auch im Körper spüren wir Veränderungen. Weiterhin können sich psychische Blockaden zeigen, die sich dann in einem rasanten oder auch langsamen Tempo lösen, was dann zu einer ebenfalls vorübergehenen Persönlichkeitsveränderung führen kann. Werden Menschen in so einem Zustand allein gelassen oder in die Psychatrie eingewiesen, kann das traurige Folgen haben.

Manche Therapeuten sprechen dann von einem psychotischen Schub, was durchaus zutreffend sein kann. Ich bezeichne es inzwischen, als eine Rückverbindung oder Rückkopplung an unsere eigentliche Natur und an die Existenz.

 

Weshalb wollen wir Erwachen?

Viele Menschen sind mit ihrem Leben unzufrieden und möchten sich in ihrer Existenz vollkommener fühlen. Das treibt sie an für mehr Lebensqualität und bringt sie in Kontakt mit der Esoterik. Sie verbinden mit dem Erwachen eine neue Lebensform und streben danach. Die Schattenseite des Erwachens wird dabei vergessen oder ausgeblendet. Manch einer hat vielleicht noch nie über ein Erwachen nachgedacht und erlebt es plötzlich. Dann ist es Fluch und Segen zugleich. Wenn wir mit dem Ziel zu Erwachen durchs Leben gehen, kann es zu jeder Zeit passieren, je nach Ausprägung des Egos.

 

Die Vorstellung vom Erwachem

Leider wird durch die esoterische Szene immer wieder ein Bild vom Erwachen oder von der Erleuchtung vermittelt, was sich nur auf den anschließenden Zustand bezieht. Wir sehen die erleuchteten Meister uns ausgeglichen anlächeln und sie mit ruhiger Stimme Weisheiten vermitteln. Das wollen wir auch haben. Wir wollen so schön und ausgeglichen sein und glauben zudem alles, was man uns sagt. Es wird eine Vorstellung über das Erwachen entwickelt, welches aus meiner Sicht so nicht eintreffen kann. Jeder erwacht auf seine Weise und das kann sehr unterschiedlich sein.

 

Die Schattenseite des Erwachens

Spirituelles Erwachen ist, wenn man es verarbeitet hat etwas sehr Schönes. Weshalb es uns so aus unserer Bahn werfen kann, kann folgende Ursachen haben. Unser Unterbewusstsein arbeitet stets und ständig. Wir sind voll von Prägungen und teilweise auch von unterschwelligen Konflikten. Auf der bewussten Ebene können wir unser Leben kreieren und wir tun es gleichzeitig auch mit dem Unterbewusstsein. Durch die unverarbeiteten Konflikte, die jetzt massiv auftreten können, durch die veränderte Wahrnehmung und durch damit verbundene Ängste kann es jetzt zu einem psychotischen Schub kommen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Vorstellung vom erwachen doch ganz anders ist, als das was gerade passiert. Wir leuchten nicht ununterbrochen und von der vorgelebten Ausgeglichenheit der Erleuchteten, ist kaum etwas zu merken. Alles ist verdreht, wir können uns nur wieder entdrehen. Kaum ein Mensch in Mitteleuropa erwacht in einem Ashram oder in einem Kloster und hat Ruhe, Zeit und Unterstützung im Alltag, alles zu verarbeiten. Das bedeutet er arbeitet, hat Kinder, ist verheiratet und hat Verantwortung für mehr als nur für sich selbst. Ihm oder ihr fehlt meistens der Zeit für den Rückzug und zur Verarbeitung der neuen Wahrnehmung. Die Angehörigen haben Angst und der Betroffene oft auch. Das ist die weitere Problematik, die auftreten kann. Angst davor, alles zu verlieren, Angst, dass sich der Zustand nicht ändert, Angst davor, jetzt irre zu werden, Angst vor der Zukunft. Im schlimmsten Fall nehmen sich die Menschen das Leben und ich finde es wichtig, genau dies zu vermeiden. Inzwischen gibt es Netzwerke, Therapeuten, Kliniken und auch Plätze an denen Menschen, die eine Bewusstseinsverschiebung erleben betreut werden. Ich bin für die Arbeit all dieser Menschen sehr dankbar.

 

Was können Angehörige und Freunde tun?

Alles hat ganz harmlos angefangen. Er oder sie haben Seminare besucht oder einfach meditiert, oder viel philosophisch nachgedacht und plötzlich sind sie aufgewacht.

Angehörige und Freunde sind oft überfordert, wenn ihr geliebter Partner oder Freund plötzlich ein anderes Verhalten zeigt. Sie verstehen die Welt nicht mehr und wollen natürlich so schnell wie es geht den alten bekannten vertrauten Menschen zurück. Oft wird dann Hilfe in der herkömmlichen Psychiatrie gesucht. Diese Entscheidung kann zur Folge haben, dass sich die geöffneten Kanäle wieder schließen, was für den Erwachten zu einem Problem werden kann. Es ist auf jeden Fall kreativer einen Therapeuten zu finden, der sich mit der Problematik auskennt.

Wichtig ist, jetzt die Ruhe zu bewahren und ins Verständnis zu gehen. Den Betroffenen zu hören, denn es können sich ungeahnte Weisheiten auftun, ihn zu lassen und ihm, wenn möglich einen Raum zum Rückzug zu ermöglichen. Was nicht funktioniert sind Erwartungen oder den Erwachten unter Druck zu setzen.

Bodenständige Arbeiten, wie Gartenarbeit, Essen kochen, Saubermachen können sehr erdend für den erwachten Menschen sein, damit er wieder in Kontakt kommt mit dieser Realität. Die sogenannte geistige Welt kann sehr aufregend sein. Deshalb ist es wichtig ihn durch diese Arbeiten in einen Alltag bringen.

Der Zustand bis zum neuen alten Wiederankommen kann einige Zeit dauern. Manchmal sind es nur einige Tage oder Wochen. Es kann durchaus auch einige Monate oder auch Jahre dauern. Das richtet sich nach der Intensität des Erlebten und der folgenden Unterstützung.

Weitreichende Entscheidungen für die Zukunft sollten jetzt nicht getroffen werden. Sollten Kinder mit betroffen sein, bitte innerhalb der Familie und im Freundeskreis eine Lösung dafür finden. Ich rate davon ab, sich an das Jugendamt zu wenden oder mit herkömmlichen Therapeuten Fehlentscheidungen zu treffen.

 

Erwachen ist natürlich

Eine Rückverbindung zu erleben ist etwas ganz natürliches. Ich bitte darum, dies so zu betrachten. Unser ursprüngliches Selbst, sobald wir es integriert haben ermöglicht uns eine neue Sicht- und Lebensweise. Wir werden gesünder und ausgeglichener und unser Leben bekommt eine schönere Qualität. Wir werden nicht kleiner oder größer dadurch, einfach nur anders. Jeder der erwacht ist, kann selbst entscheiden, was er oder sie mit den neugewonnene Fähigkeiten und der Veränderung seines Bewusstseins anfängt. Für Kinder ist es ein Geschenk, ein erwachtes Elternteil zu haben, da sich vieles hinsichtlich der Begleitung von Kindern entspannen kann.

 

Warum schreibe ich diesen Artikel?

Am Anfang habe ich es schon erwähnt, welchen Satz ich immer wieder höre oder lese von sogenannten erwachten oder erleuchteten Menschen. Das macht mich traurig, denn auch ich kenne Fälle, in denen Menschen durch ein Erwachen, wegen des Fehlens von ausreichender Hilfe sich das Leben genommen haben oder in eine handfeste Schizophrenie gefallen sind. Es fällt mir schwer, dass spirituell zu sehen, wenn Menschen aufgeben. Wir sind soziale Wesen innerhalb einer Gemeinschaft. Wenn wir uns in einer Sturzflut von Bewusstseinsveränderungen befinden, brauchen wir Unterstützung. Es geht dann auch nicht mehr um nur um uns, sondern auch um das Umfeld. Ich finde diese Äußerungen unverantwortlich, denn Europa ist nun mal nicht Asien. Dort gibt es eine Eleuchtungskultur. Hier sind wir dabei sie zu erschaffen.

Meine Vision von einer besseren Welt, besteht darin mit vielen Erwachten Menschen zusammen zu arbeiten, auf welcher Ebene auch immer, damit all die verborgenen grausamen Dinge, die auf unserer Welt passieren immer transparenter werden und auch wenn es kindlich erscheint, das Gute immer mehr Einzug hält in alle Bereiche unseres Lebens.

 

Danke für das Lesen dieses Artikels

Herzlichst

Anett Bauer